Atom-Allergie oder natürliche Reaktion?

Fukushima hat zu starken Emotionen in Deutschland geführt und weite Kreise gezogen; während andere Länder – wie Frankreich – ein wenig über Sicherheit diskutierten, was aber schnell und brutal abgewürgt wurde, mobilisiert Fukushima in Deutschland die Atomkraftgegner neu und bringt Demonstrationen hervor, die man nicht mehr für möglich gehalten hat. Schien sich bisher der Fatalismus bei den Gegnern durchzusetzen – Helmut Kohls „Die diskutieren, wir regieren!“ war außer einigen Unfällen wie Stuttgart-21 recht gut imVolksbewußtsein angekommen – gibt es nun wieder Massendemonstrationen und Menschenketten. Das Phänomen ist bei weitem nicht so ausgeprägt wie in Frankreich oder gar Südkorea; trotzdem ist es ein Ausbruch aus dem neo-biederen Leben des „mündigen, aber uninformierten“ Bundesbürgers.

Und nun kommen die Atomkraftbefürworter und deklarieren den Bürger, der seine Mitspracherechte wieder einfordert, zum „Wutbürger“. Der Bürger hatte bis 1998 halbwegs die Gewißheit, daß seine von ihm gewählten Volksvertreter seinen Willen recht oder schlecht vertraten (Hildegard Hamm-Brücher publizierte aber bereits 1990 „Der freie Volksvertreter – eine Legende?“). Die Regierung Schröder holte sich fachliche Berater – was prinzipiell eine gute Idee war; aber damit begann die Unsitte, daß sich nicht die Abgeordneten von mindestens zwei unterschiedlichen Gruppen beraten ließen und sich daraus ihre eigene Meinung bildeten, sondern daß die Regierung einseitigen Empfehlungen der durch keine Wahl legitimierten Berater größtenteils 1:1 umsetzten und die Abgeordneten sich zunehmend nicht mehr in der Lage fühlten, informierte Entscheidungen zu treffen. Was aus diesen Entscheidungen aufgrund der „Hartz-Komission“ bzw. der Empfehlungen der krakenartigen umstrittenen „Bertelsmann-Stiftung“ zur Hochschulreform wurde, kann man heute sehen; der kundige Bürger ist „not amused“. Viele Publizisten reden von der „Beraterrepublik“ und warnen vor der praktischen Ausschaltung der Legislative durch die Exekutive.

Es war klar, daß jetzt – in typischer deutscher Debattenkultur – betroffene Bürger als hysterische Panikmacher lächerlich gemacht wurden. Geigerzähler kaufen und Jodtabletten bevorraten, wenn in Japan ein kleiner Störfall vorkommt? Notvorräte anlegen? Derjenige, der sowas tut, muß doch geisteskrank sein. Oder so.

Oder anders. In Frankreich wird an Anwohner von AKWs eine Ration von Jodtabletten ausgegeben; in Deutschland vertraut man dem Bürger die nicht an, sie werden zentral gelagert und in einem Störfall an die Bevölkerung ausgegeben. Zweifel, daß man die Bevölkerung überhaupt erreicht und sie danach diszipliniert ihre Jodtabletten abholen kommen, sind berechtigt; es sei denn, man steckt Staubetreuer in Overgarment-Schutzanzüge und läßt sie diesmal nicht Tee, sondern die Tabletten ausgeben.

Ein Notfall-Warnsystem gibt es nicht mehr; Sirenen werden aus Kostengründen nach und nach ausgesteuert. Es soll dabei nicht verheimlicht werden, daß Sirenensignale auch nicht der Weisheit letzter Schluß sind: Bei einer Überschwemmungswarnung in Hamburg hielten die Anwohner das „Warnung, Rundfunkgerät einschalten und auf Durchsagen achten“-Signal für Probealarm – und konnten so mehrheitlich nicht rechtzeitig evakuiert werden. Es besteht aber ein Riesenunterschied zwischen einem System mit Mängeln  – und gar keinem System.

Heute will man im Notfall über Funkmelder und Telephon die Einsatzkräfte erreichen. Alles Systeme mit begrenzter Kapazität; außer der guten alten „Bongo“-Feldkabel-Trommel funktionierte beispielsweise in Eschede kein GSM und kein Funk mehr. Daraus hat man gelernt und die Kapazitäten erweitert, besonders mit dem digitalen Funksystem TETRA (Trans-European Trunked Radio); ob ein System, das auch für größere K(atastrophen)-Fälle (ManV, Massenanfall an Verletzten) ausgelegt ist, aber auch derartig großen K-Fällen gewachsen ist, wird jedoch bezweifelt.

Auf der FloodEx 2009, einer multinationalen Übung mit einer der Flutkatastrophe von 1953 in den Niederlanden, Großbritannien und Belgien nachgestellten Lage, ging man jedenfalls von vornherein vom Ausfall des Digitalfunknetzes aus und band verpflichtete Funkamateure ein; im Gegensatz zu Frankreich (FNRASEC), Großbritannien (RAYNET), den Niederlanden (DARES) und selbst Österreich (ARENA) gibt es in Deutschland weder einen Ansprechpartner zwischen Amateurfunk und Katastrophenschutz, noch besteht der Wille, sich das Pfrund Kommunikation durch Einbindung von Funkamateuren aus der Hand nehmen zu lassen. Die von niederländischer Seite eingeladenen deutschen Funkamateure wurden von deutscher Seite wieder ausgeladen. All dies, obwohl sich am 11. September 2001, in Galtür und bei unzähligen anderen Großschadenslagen immer wieder beweist, daß die schnellste und teilweise einzige Kommunikationsmöglichkeit mit abgeschotteten Gebieten der Amateurfunk ist.

In der Summe: Ja, viele Anwohner werden ihre Jodtabletten nicht finden, wenn sie sie brauchen; aber einen besseren Plan gibt es nicht. Der „deutsche Plan“ fußt wohl einmal mehr auf der Überheblichkeit, daß schon nichts passieren werde. Eine Diskussion zur Sicherheit von AKWs befindet sich einem anderen Artikel.

Fukushima hat viele Menschen daran erinnert, daß ein GAU immer eine realistische Gefahr ist, und daß es keine Garantie gibt, daß er nicht in der Nähe stattfindet – im Gegenteil: Frankreichs 59 Atomreaktoren machen einen großen Anteil der weltweit ca. 400 Reaktoren aus, und das KKW Fessenheim bei Freiburg steht in Europas erdbebengefährdetstem Gebiet. AKWs in Frankreich gegen Flugzeugabstürze zu sichern, würde wahrscheinlich die Möglichkeiten des Landes sprengen, das 80% seiner Energie aus der Kernkraft bezieht. In Frankreich kommt ein Atomausstieg wie in Deutschland nicht in Frage; damit ist es für Deutschland besonders wichtig, nach gleichartigen Alternativen für Kernenergie zu forschen. Dies wird momentan in den internationalen Projekten Wendelstein 7-X (Greifswald) und ITER (Cadarache, Frankreich) gemacht. Ein sehr aussichtsreicher Standort für ITER wäre auch Lubmin bei Greifswald gewesen – 2003 zog Kanzler Schröder jedoch die Zusage zurück, obwohl noch 2002 ein Aktionsbündnis unter ex-Ministerpräsident Alfred Gomolka eine Standortbewertung eingereicht hatte. Diese wurde von MP Ringstorff aber nicht weitergeleitet. Schließlich ist Mecklenburg-Vorpommern eine Region mit sehr hoher Wirtschaftskraft; dies wog sicher auch die Vorteile auf, die weltgrößten Fusions-Forschungsreaktoren der Stellarator- und der Tokamak-Technologie in unmittelbarer Nachbarschaft zu haben. Stattdessen plante die Regierung in Lubmin den Bau eines Kohlekraftwerks, das bis zu 8.000 Arbeitsplätze in der Tourismusindustrie gefährdt hätte, bis sich der Betreiber DONG 2009 zurückzog. Manchmal kann man sich über Entscheidungen von Politikern einfach nur wundern.

Es gibt jedenfalls gute Gründe, für den Notfall vorher bereit zu sein – und zu hoffen, daß er nie eintritt. Genau deswegen kaufen Deutsche gerne Autos mit Gurt und Airbag – und niemand wird sie deshalb als panikmachende Hysteriker bezeichnen.   All dies sind keine neuen Erkenntnisse; aber Fukushima hat sie uns wieder ins Gedächtnis gerufen. Mancher wird sich nun mit den Jodtabletten ausstatten, die er in Frankreich von der Regierung bekäme. Nicht für Fukushima. Für Grafenrheinfeld, Gundremmingen, Biblis, FZK-Reaktoren (momentan keine).

Seit Tschernobyl wissen wir, daß Radioaktivität nicht nur „anderen“ passiert. Daß Geigerzähler nicht mehr nur die Domäne von Funkamateuren, Elektronikbastlern und „Baubiologen“ sind, sondern ein allgemeines Interesse an Radioaktivität besteht, ist positiv. Radioaktivität ist ein natürliches Phänomen; und sie ist doppelt gefährlich: Strahlenschäden treten oftmals nicht sofort, sondern als Spätfolge auf, und sie ist unsichtbar, unhörbar, geschmack- und geruchlos. Für mich gute Gründe, sich näher darüber zu informieren und das nicht Experten zu überlassen; mit einem billigen Geigerzähler zu experimentieren und so Radioaktivität auch praktisch zu erfahren, ist für mich ein Anzeichen gesunden Forschungsdranges, nicht von Panik. Aber auch Hysteriker, die beispielsweise den medizinisch äußert wichtigen und genau bekannten „Geldrolleneffekt“ von roten Blutkörperchen (damit reguliert der Körper die Flüssigkeit des Blutes) als schädliches Zeichen von GSM-Nutzung ansehen, gibt es genug; diese werden aber ihren „baubiologischen“ Gurus vertrauen und sich nicht selbst informieren. Bücher über Radioaktivität zu lesen und zu beginnen, mit Geigerzählern zu experimentieren, ist für diese Leute doppelt wünschenswert als ersten Schritt, selbst kundig zu werden und sich von ihren falschen Propheten zu lösen.

Selbst wenn Leute beginnen, jetzt Notvorräte anzulegen, ist das nicht negativ. Beim nächsten K-Fall zahlt sich das aus; ob man die nie zurückgenommenen Empfehlungen für Notvorräte wegen Elbe-2002 oder Fukushima-2011 beherzigt, ist dabei egal. Wer wegen Schnee nicht mehr zum Supermarkt kommt und Vorräte hat, hat zu Essen und belastet die sowieso überlastete Infrastruktur nicht weiter. Wer darauf vertraut, daß solche Sachen nicht passieren, muß mit einem bösen Erwachen leben, wenn er plötzlich zu den 1 Promille Betroffenen gehört.

Die weiten Kreise, die Fukushima in Deutschland gezogen hat, wären wahrscheinlich nicht annähernd so weit, wenn Atomkraftbefürworter wie Brüderle, Mappus, Guttenberg u.a. nicht gerade den Atomkonsens von 2000 aufgekündigt und schrittweise wieder in die Atomkraft hätten einsteigen wollen. Und eine Neubewertung des Restrisikos findet jetzt nicht nur bei den „üblichen Verdächtigen“ statt; hat die Gesellschaft für Reaktorsicherheit 1979 in der Risikostudie Kernkraftwerke Teil A die Kernschmelzenwahrscheinlichkeit noch mit 1 in 10.000 beziffert und die Zahl mittlerweile sogar auf 1:250.000 angehoben (alles pro Reaktor; real also mal 400), bezweifelt nun die bisher eher wirtschaftsfreundliche Frankfurter Allgemeine Zeitung diese Zahlen und kommt empirisch auf eine Unfallwahrscheinlichkeit von 1:6667 oder höher – in Beziehung gesetzt, die Unfallwahrscheinlichkeit eines Reaktors ist nur zehnmal geringer als die eines Flugzeugs. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von zwei Stunden Flugreise Opfer eines Unfalls zu werden, ist also etwa genauso groß wie die Wahrscheinlichkeit, während eines 20-stündigen Aufenthalts bei einem Atomkraftwerk von einem Unfall betroffen zu werden. Die Frage ist damit nicht mehr, ob wir uns einen Atomausstieg leisten könnten – sicher ist, daß wir uns einen Atomunfall nicht leisten können werden. In einem Western wurde Strahlenopfer John Wayne von seinem Kind während des Goldrausches einmal gefragt, ob sie denn als Bauern so reich wie Leute werden können, die Gold finden: „Nein. Aber wir werden reicher sein als Leute, die kein Gold finden.“

Kein Grund zur Panik also, wenn Du Dich plötzlich für Radioaktivität interessierst und Dich jemand der Panikmache bezichtigt.

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