Atomausstieg – nur Panikmache?

In Japan, auf der anderen Seite der Erde, gibt es einen Atomunfall, und ganz Deutschland versinkt in Panik. Deutsche kaufen Jodtabletten, Geigerzähler, obwohl doch ganz klar ist, daß ohne die 137 Atomkraftwerke in Europa kein Klimaschutzziel zu erreichen ist und der CO2-Anteil in der Atmosphäre sich doch mindestens verdoppeln wird. Oder so. Und Atomkraftgegner sind ewiggestrige 68er-Populisten, Gudrun Pausewangs Die Wolke hat unser aller Jugend vergiftet. Schon recht.

Ist der Atomausstieg also ein Irrtum, war der Ausstieg aus dem Ausstieg richtig und ist der Ausstieg vom Ausstieg aus dem Ausstieg falsch? Also, wenn noch weiter ausgestiegen wird, will ich jedenfalls Klammern und Hochzahlen. Brüderle ist immer noch im Bundestag, damit ist die Gefahr leider noch nicht gebannt.

Nach meinen unrepräsentativen Umfragen gibt es einen Riß durch die Fakultäten. Viele Wirtschaftswissenschaftler sind für Atomstrom. Viele Informatiker dagegen. Und das hat gute Gründe.

Einerseits verheißt Atomkraft scheinbar selbst nach Tschernobyl und Kyschtym viel. Die Euphorie der letzten Jahrzehnte – vor Einführung der Kernkraft in Deutschland behauptete man, es werde in Zukunft zu teuer sein, Stromzähler zu betreiben, so billig werde Strom – ist verflogen, aber die Sirene Kernkraft singt offensichtlich immer noch verführerisch genug, daß sich im September 2009 der damalige Wirtschaftsminister Guttenberg an der Erforschung neuer Kernreaktoren beteiligte – obwohl seinerzeit der Atomkonsens von 2000 noch gültig war. Außerdem müßte jemand, der sich von jeder Wirtschaftskrise abkoppeln will, sein Vermögen in Gold eintauschen und sich mit Doppelflinte und Schäferhund in eine Hütte fernab jeder Zivilisation in die Eifel zurückziehen.

Andererseits verzeiht Atomkraft keine Fehler. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren geht nicht. Wir reden hier nicht von Lehmann Brothers, HRE oder Commerzbank; die Sirene Atomkraft kann auch heulen. Pripjat ist heute noch eine Geisterstadt, die Osturalspur (EURT) von Kyschtym kontaminiert. Die Kosten von Tschernobyl, alleine direkte Kosten von 18 Milliarden Rubel (offiziell entsprach der Rubel damals dem britischen Pfund), dürften spürbar zum Niedergang der Sowjetunion beigetragen haben; die Folgekosten – der dringend nötige neue Sarkophag wird jetzt ca. 1,6 Milliarden Euro kosten, die vor allem von G7-Staaten getragen werden müssen – werden voraussichtlich noch die nächste Generation belasten.

Und Kyschtym und Tschernobyl liegen in relativ dünn besiedelten Gebieten. Wie realistisch Gudrun Pausewangs Die Wolke über einen INES-6+ in Grafenrheinfeld ist, wird sich hoffentlich nie prüfen lassen; sie verwendete aber Katastrophenschutz(KatS)-Pläne. Die Beschreibung der Strahlenkrankheit hat sie aus medizinischen Publikationen. Und ihre Beschreibung des Chaos bei einer Evakuierung hat sich bei Katastrophen eher bestätigt, als widerlegt zu werden.

Atomkraftbefürworter werden nicht müde zu betonen, daß sich der Fehler von Tschernobyl in Deutschland nicht wiederholen könne, weil deutsche Reaktoren anders arbeiteten. Jetzt belächeln sie, daß es in Deutschland nicht annähernd die gleichen Bedingungen wie in Japan (schlimmstes Erdbeben seit Beginn der Aufzeichnung und Tsunami) gebe. Das sind keine Argumente.

Verläßlichkeit komplexer Systeme: Theorie…

Die Bundesregierung berechnete einmal, daß ein Reaktor statistisch nur alle 10.000 Jahre einen katastrophalen Ausfall erleidet. Weltweit gibt es ca. 400 Reaktoren. Ergibt ungefähr 25 Jahre pro Störfall. Kyschtym 1957; Tschernobyl 1986; Fukushima 2011: paßt.

Was kann man nun dagegen machen? Bisherige Unfälle und Beinahe-Unfälle auswerten, um sie nicht zu wiederholen? Klappt nicht.

Jeder Informatiker macht eine Vorlesung Verläßliche Systeme mit. Dabei stellt der Professor eine Auswahl von Störfällen vor. Jeder Professor hat andere Vorlieben; zwei Fälle werden sich immer finden: die THERAC-25 und der Absturz der ARIANE 5.

Dazu ein Exkurs in die Theorie. Ein Ausfall (en. Failure) entwickelt sich aus einer System-Unzulänglichkeit (Fault, dt. etwa Makel). Im Gegensatz zu Fehlern (Error), die verhindern, daß ein System überhaupt funktioniert, verhalten sich faulty Systeme in 80-90% der Fälle vollkommen planmäßig. Wenn jedoch etwas vollkommen unvorhergesehenes passiert, z.B. jemand in einer Vollmondnacht in einem Schaltjahr, wenn die Quersumme des Datums 23 ergibt, bei Jupiter im Aszendent Skorpion mit einer halbvollen Kaffeetasse in der Hand die grüne Taste am Drucker drückt, fällt das System aus.

Dies kann relativ harmlos sein: Ein Drucker bedruckt jede Seite mit einer Zeile merkwürdigen Symbolen. Mahnungen für ein Guthaben von 3€ werden solange verschickt, bis es zu einem Gerichtsverfahren wegen der nun aufgelaufenen beträchtlichen Mahngebühren kommt. Und so weiter.

Die THERAC-25 verstrahlte 6 Menschen, von denen mindestens 3 an Strahlenkrankheit starben.

Flug V88 der Ariane-501 kostete 290 Millionen Euro.

Beim katastrophalen Ausfall eines Flugzeuges können 520 Menschen ums Leben kommen (JAL 123, 1985).

In Kyschtym mußten 10.000 Menschen evakuiert werden; nach einer Studie des Gesundheitsamtes Tscheljabinsk 1992 starben 8.015 Menschen in den bis dahin vergangenen 32 Jahren durch den Unfall.

350.400 mußten wegen Tschernobyl evakuiert werden (der Großteil der kontaminierten Gebiete befindet sich übrigens im benachbarten Weißrußland); über Opfer ist wenig bekannt (von nur 64 bis zu 985.000 ist eine derartig große Bandbreite, daß ich mich auf die Diskussion nicht einlassen werde).

Die Lösung sollte also sein, ein komplexes System so lange zu verbessern und Fehler (Mäkel) zu korrigieren, bis das gesamte System fehlerfrei ist. Und in alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, mag das auch so gewesen sein.

Andrew S. Tanenbaum zitiert in der 3. Auflage seines MINIX-Buchs Operating Systems – Design and Implementation, daß sich in der Programmierung pro 1.000 ausführbaren Quelltextzeilen zwischen 6 und 16 erkannte Fehler (Bugs) befinden; bei Untersuchung eines Betriebssystems enthielten 6% aller Dateien Bugs, die irgendwann gemeldet werden. Diese Zahlen scheinen repräsentativ zu sein und sich mit der Zeit zu stabilisieren anstatt gegen Null zu gehen. Irgendwann werden genauso viele Fehler eingebaut, wie korrigiert werden.

Es besteht kein Grund zur Annahme, daß das komplexe System Kernkraftwerk anders sein sollte. Was heißt das für die Praxis?

…und Praxis

Es ist weiterhin mit Unfällen zu rechnen. Vielleicht werden Kernkraftwerke sicherer; jedoch werden sie auch mehr, was das ausgleicht. Es ist damit zu rechnen, daß es in weiteren 25 Jahren irgendeinen Freak Accident geben wird; leider – Statistik – kann es auch bedeuten, daß morgen der nächste Unfall stattfindet und danach 50 Jahre lang Ruhe ist. Und wo dieser Unfall stattfinden wird, ist völlig offen. Mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine.

2006 fielen im KKW Forsmark Strom und Steuerung aus; erst nach 20 Minuten konnte die Notstromversorgung vollständig hergestellt werden. Der Störfall ist INES-2, ein einfacher Störfall. Windscale-Sellafield und Three Mile Island-Harrisburg sind nur zwei Beispiele für INES-5-Zwischenfälle, die eine größere Bekanntheit erlangt haben. In Biblis wurde eine Warnleuchte so lange ignoriert, bis der Ingenieur, der den Fehler im Warnsystem beheben sollte, feststellte, daß das Warnsystem korrekt funktionierte und die Leuchte auf einen wirklichen Ausfall hinwies. Jeder dieser Zwischenfälle ging sehr glimpflich aus; die meisten schafften nicht einmal den Sprung in die Massenmedien. Harrisburg ist vielleicht auch deswegen eine Ausnahme, weil ein zwei Tage vorher angelaufener Kinofilm – The China Syndrome – den Unfall weitgehend vorwegnahm und sieben Jahre später Tschernobyl explodierte; außer Sellafield, Harrisburg und den beiden INES-7-Unfällen Tschernobyl und Fukushima hat die Allgemeinheit von den über 15 Kernschmelzen keine besondere Notitz genommen.

Sehr viele Zwischenfälle, selbst wenn sie nach INES niedrig eingestuft werden (oftmals gibt es dabei Kontroversen) oder gar nicht INES-relevant sind (INES-0 oder Zwischenfälle auf dem Gelände außerhalb des Reaktors) haben das Potenzial, zu ernsten Störfällen zu führen – fast immer verhindert reines Glück oder eine rechtzeitig reagierende Bedienungsmannschaft schlimmeres. Aber manchmal – Kyschtym, Tschernobyl, Fukushima, und wenn man Harrisburg und Sellafield dazunehmen will, noch sehr viele andere INES-5-Vorfälle – eben nicht. Ein brechender Radreifen an einem Zug ist unangenehm. Bei hoher Geschwindigkeit gefährlich. Bekommt ein Reisender ein den Boden durchschlagendes Metallteil im Wagen mit und will sich erst bei einem Schaffner rückversichern, bevor er die Notbremse zieht, kostet das einige Minuten. Überfährt der Zug eine Weiche, können mehrere Opfer und ein hoher Sachschaden vorkommen. Steht hinter dieser Weiche eine Brücke – 3. Juni 1998, Eschede, 101 Tote, 88 Schwerverletzte, nicht eingerechnet Post-Traumatische Belastungsstörungen (PTSD) und mindestens 1 Selbstmord bei den Rettungskräften.

Damit ist Kernkraft nicht die Lösung; der Titel eines Buches der 70er-Jahre über Kernkraft – Auf einem Tiger reiten – umschreibt die Situation sehr gut. Dies berücksichtigt noch nicht einmal die ungelöste Endlagerproblematik und das u.a. in der Asse und in Forsmark bekannt gewordene Problem, daß technische Sicherheit und der Wille der Betreiber, das technisch Mögliche auch dauerhaft gewissenhaft umzusetzen, bei weitem nicht das Gleiche sind. Mehr oder weniger war das schon vor Fukushima bekannt; seit Fukushima wissen wir aber, daß die ehemalige Sowjetunion keinen Exklusivvertrag auf Störfälle der Klasse INES-6+ hat.

Was, außer den vom Zivilschutz empfohlenen Notvorrat anlegen (sehr nützlich übrigens auch bei plötzlichem Wintereinbruch, Überschwemmung, plötzlicher Krankheit, Abgabetermin, Prüfungsvorbereitung, Tiefkühltruhen-Meltdown oder einfacher Unlust), Jodtabletten bevorraten, Schutzraum bauen und die Immobilienanzeigen in der Eifel studieren kann man tun?

Konsequenzen

Es wäre falsch, in Deutschland aus dem Atomausstieg auszusteigen. 137 europäische Reaktoren sind kein Grund, selbst weiter in Atomkraft zu investieren. Die Bundesregierung hatte 2000 einen Vertrag mit den Energieversorgern (EVUs) geschlossen, bis 2020 aus der Atomkraft auszusteigen. Die Rückkehr zu diesem Vertrag ist angebracht. Es ist davon auszugehen, daß die EVUs auch das als letztes genannte Datum von 2050 nicht einhalten könnten, nachdem z.B. EnBW die letzten 11 Jahre rein gar nichts unternommen hat. Der Markt besagt, daß die EVUs natürlich nicht verpflichtet sind, sich auf den Ausstieg 2020 vorzubereiten; wenn sie bis 2020 nicht bereit sind, werden sie durch neue Unternehmen ersetzt werden. Was, wenn Strommarkt und Stromerzeugung verstärkt regional organisiert werden sollen, nicht unbedingt schlecht ist.

Kein Grund besteht auch für klimakterische Hysterie. Durch Energieeinsparungen – nicht über die Nachttischlampe, sondern z.B. durch dezentrale Energieversorgung und Kraft-Wärme-Kopplung – kann der Energiebedarf für Heizung und Leitungsverluste – und damit der Gesamtenergiebedarf vermindert werden. Der Staat hat über seine Besteuerung die Möglichkeit, regenerative Energien wirkungsvoll zu subventionieren – wie Kohle und Atomenergie jahrelang. Deutschlands Weg – das Windenergie-Revival (Windmühlen waren bis vor mindestens 150 Jahre schließlich sehr häufig!) und Weiterentwicklung von Solartechnologie und Blockheizkraftwerken auch für kleine Wohnhäuser – kann besonders in dünn besiedelten Ländern ein wichtiges Standbein der Energieversorgung auch in absehbarer Zukunft bleiben.

Fusionskraftwerke: Energie 2050 oder „nur“ physikalischer Erkenntnis-Quantensprung?

Des weiteren will die EU bis 2050 über den Reaktor ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor) die Kernfusion zur Serienreife bringen; allerdings steht das Projekt jetzt auf der Kippe, weil sich die Baukosten von 5 auf 15 Milliarden EUR verdreifacht haben, 7,2 Milliarden davon muß die EU planmäßig aufbringen. Zum Vergleich: die Abwrackprämie kostete 5 Milliarden EUR, im Rahmen der Bankenrettung hat die SoFFin noch Außenstände von 64 Milliarden EUR und kann die tatsächlichen Kosten noch nicht genau beziffern. Hier scheint die Kernenergie die Wahrnehmung einiger Länder zu verzerren; anders kann man sich dies im Hinblick auf eine Technologie mit derartig hohem Potential nicht erklären. Selbst die Erkenntnisse, die bei einem eventuellen Scheitern des ITER durch ihn gewonnen werden, machen meiner Auffassung nach auch noch weiter steigende Bau- und Betriebskosten von ITER rentabel – wenn ITER nicht gebaut werden sollte, so ist die Suche nach einer alternativen Möglichkeit zur weiteren Erforschung der Kernfusion jedenfalls alternativlos.

Auch in Deutschland wird ITER angegriffen – obwohl der weltweite Ausstieg aus der Kernenergie in 50 Jahren (umgerechnet 2 GAUs) eigentlich voll in deutschem Interesse liegen sollte: Beispielsweise fordert Sylvia Kotting-Uhl von den Grünen den Ausstieg aus ITER. Es ist schön, zu sehen, daß diese Partei mittlerweile voll und ganz im Parteienspektrum angekommen ist und sogar Industrielobbyismus betreibt – obwohl die deutsche Solar- und Windenergie-Industrie auch nach Serienreife der Kernfusion von der Energiewende profitieren wird. Oder es liegt einfach an einer Verzerrung der Wahrnehmung der Kosten: nicht erst mit ITER ist es an der Zeit, wieder mehr Geld für Forschung und Technologieentwicklung auszugeben, anstatt es in wirtschaftliche Fässer mit optionalem Boden zu entsorgen. Auch eine Evaluierung von z.B. Clean Coal Technology wird nachhaltigere Ergebnisse erbringen als die Rettung von Banken – insbesondere, wenn Nachrichten über das weiter so des Finanzsektors und die Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit Zweifel aufkommen lassen, ob durch die teuren Rettungspakete die große Krise nicht nur verschoben anstatt abgewendet wurde.

Comments
2 Responses to “Atomausstieg – nur Panikmache?”
Trackbacks
Check out what others are saying...
  1. […] In der Summe: Ja, viele Anwohner werden ihre Jodtabletten nicht finden, wenn sie sie brauchen; aber einen besseren Plan gibt es nicht. Der „deutsche Plan“ fußt wohl einmal mehr auf der Überheblichkeit, daß schon nichts passieren werde. Eine Diskussion zur Sicherheit von AKWs befindet sich einem anderen Artikel. […]

  2. […] Umweltschutz ist begründbar, ebenso wie der Atomausstieg. Es gibt rationale Gründe für beides; die Methoden sollten bei beidem natürlich öfters sachlich […]



Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: