Telephoninterview mit Abdullah Hijazi

In einem vorigen Artikel hatte ich die deutsche Presse kritisiert, die – im Gegensatz zu vielen ausländischen Zeitungen – über die Lage in Palästina nur mangelhaft bis ungenügend berichtet.

Der folgende Text ist ein Versuch, eine Aussage von der Seite der Palästinensischen Regierung zu bekommen. Handwerklich grob, es lief kein Tonband mit, ich schrieb Stichworte mit und machte daraus später einen Text. Ich hätte auch die Fragen besser vorbereiten können; aber es ging mir vor allem um die Position in der Frage der Eskalation im Gaza-Streifen und Südisrael. Den Text sandte ich per eMail an Herrn Hijazi; er brachte Korrekturen an (ein Mißverständnis und einen Formulierungswunsch), dies ist die endgültige Version.

Was soll ich sagen? Nicht gerade ein Präzedenzfall, wenn ein “Konsument” in 15 Minuten etwas tut, was Journalisten und/oder Redakteure nicht geschafft haben. Ich habe aus dem Internet eine Telephonnummer gefunden, dort angerufen, wurde mit dem zuständigen Mitarbeiter verbunden und wandte eine innovative neue Technik an, die darin besteht, Fragen zu stellen, Antworten zu bekommen und eventuell nachzufragen. Ich spüre, damit werde ich den “Investigativen Journalismus” so sehr revolutionieren, wie vor mir nur Christopher Latham Sholes!!!

Das Interview

25.08.2011. Heute rief ich bei der Generaldelegation Palästinas in der Bundesrepublik Deutschland an, um eine direkte Äußerung zur Eskalation in Südisrael und Ramallah zu bekommen. Der Leiter der Kultur- und Informationsabteilung Abdullah Hijazi stand mir Rede und Antwort.

Zu Beginn äußerte ich, es sei schade, daß man – im Gegensatz zu Ha’aretz, New York Times oder Al Jazyra – in der deutschen Presse nahezu nichts über die UNO-Initiative lesen könne. Herr Hijazi schloß sich dem an und verwies auf ausländische Quellen. Er habe den Verdacht, daß die deutsche Presse sehr auf der Linie von Kanzlerin Merkel sei.

Zur Lage in Südisrael und dem Gaza-Streifen erklärte er, die Autonomiebehörde arbeite gegen die Eskalation, verurteilte aber die Bombardements Israels zur Vergeltung als unverhältnismäßig. Nach dem Hintergrund der Abschüsse der Grad-Raketen auf Südisrael gefragt, verwies er auf die unübersichtliche Lage in Ägypten und auch Libyen. Der Transformationsprozeß nach dem Arabischen Frühling führe dazu, daß diese Länder im Augenblick Probleme mit der Grenzsicherung haben. Die bewaffnete Aktion gegen Israel sei vor allem von Ägyptern, mit wenigen Palästinensischen Beteiligten, verübt worden.

Er verwies auf einen Fall, in dem 20 Schwerbewaffnete die 600km vom Gaza-Streifen nach Eilat trotz der israelischen Grenzkontrollen auch durch Israel hatten zurücklegen konnten. Israel rühmt sich seiner engen Grenzkontrollen. Wenn 20 Schwerbewaffnete die Grenze zu Israel überschreiten und sich unerkannt durch Israel bewegen können, so sei es besonders während des ägyptischen Transformationsprozesses für Extremisten möglich, die Ägptisch-Palästinensische Grenze zu überqueren.

Die Autonomiebehörde, auch die den Gaza-Streifen kontrollierende Hamas, versuche nach Kräften eine weitere Eskalation im Gaza-Streifen einzudämmen; Herr Hijazi verwies auf den mit Hilfe von Ägypten verhandelten Waffenstillstand, hinter dem die Autonomiebehörde und die Hamas als Teil davon voll stünden. Für Netanyahu sei die Eskalation eine Begründung für hartes Vorgehen gegen den Gaza-Streifen, für die er geradezu “zu Gott gebetet” habe.

Die israelische Botschaft äußert in ihrem Argumentationsblatt die Befürchtung, daß ein anerkannter Staat Palästina kein Interesse an Verhandlungen mit Israel mehr habe. Hierzu befragt, erklärte Herr Hijazi, Verhandlungen mit Israel und eine UNO-Mitgliedschaft seien für die Autonomiebehörde gleichrangig. Die Prioritäten der Autonomiebehörde zum Umgang mit Israel nannte er wörtlich: “Verhandeln, Verhandeln und Verhandeln”. Palästina könne einen dauerhaften Frieden mit Israel nur durch Verhandlungen erreichen; alleine die Stärke Israels und die Schwäche Palästinas ließen keine wie auch immer gearteten anderen Lösungen zu.

Herr Hijazi verwies aber darauf, daß die Verhandlungen mit Israel bereits 20 Jahre andauerten und in dieser Zeit nicht einmal ein Siedlungsbaustop durchgesetzt worden sei; im Gegenteil erweitere die momentane Regierung Israels die Siedlungen sogar noch. Die Aufnahme Palästinas in die UNO sieht er sowohl als Möglichkeit, von der Internationalen Gemeinschaft Hilfe zu bekommen, als auch Verhandlungen mit Israel eher auf Augenhöhe durchführen zu können – und vor allem den Stillstand zu überwinden.

Nachgefragt, ob Palästina sich auch einer verstärkten Beobachtung durch die UNO und die Anforderungen an einen anerkannten Staat klar sei, erklärte Herr Hijazi, Palästina werde sich selbstverständlich internationalem Recht beugen und wolle ein Staat werden, “der seine Pflichten und Rechte in der Welt wahrnimmt”.

Ich fragte nach, ob dies ausdrücklich auch die Verhinderung von Terror gegen Israel umfasse; Herr Hijazi bejahte, die “Sicherung des Friedens” habe ausdrücklich eine hohe Priorität für die Regierung Palästinas.

Ich bedankte mich bei Herrn Hijazi für das Gespräch, und beglückwünschte das diplomatische Korps Palästinas zu der in meinen Augen sehr geschickten Vorbereitung der palästinensichen UNO-Initiative.

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