Filesharing und Dampfmaschinen

Die ganz große Nachricht: ein in Deutschland betriebener Indexdienst für Film- und Seriendownloads, “kino.to”, ist geknackt worden, 12 Leute sitzen in Untersuchungshaft. Die Anbieter machten siebenstellige Gewinne durch Porn’n’Poker-Werbung und Verbreitung von Malware.

Wenn die Vorwürfe stimmen, braucht man den Betreibern keine Träne nachzuweinen. Man sollte den Prozeß jetzt ruhig und sachlich verfolgen; Demonstrationen führen höchstens dazu, daß das Gericht meint, mit dem Urteil ein Exempel statuieren zu müssen.

Auf der anderen Seite sollte man fragen, ob man den Trend zur freien Verfügbarkeit im Internet wirklich stoppen kann, stoppen sollte oder wie die Film-Verwertungsgesellschaften sich klüger anstellen können.

Geschichte einer (industriellen) Revolution

Manche werden sich noch an zwei Jahre erinnern: 1997 und 1999.

1997 kam Nullsofts Winamp heraus, ein Abspielprogramm für das MP3-Audioformat, mit dem Musikdateien – verlustbehaftet komprimiert – auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft werden konnten. Mit Programmen wie Audiograbber war es kein Problem mehr, ganze CDs in einigen Stunden (Pentium-Zeit) in MP3s umzuwandeln und sie danach durch die einige Jahre später aufkommenden CD- und DVD-Brenner auf Daten-CDs zu speichern. Eine ansehnliche Musikbibliothek auf einer CD. Vor der München-Hamburg-Fahrt eine CD ins Radio, und den Rest der Fahrt können die Hände am Lenkrad bleiben, wo sie auch hingehören.

1999 tauchten kurz nach Veröffentlichung von “Star Wars Episode I: The Phantom Menace” Versionen des Films auf 2 650MB-CDs auf. Sie enthielten den gesamten Film!!! Man mußte es sehen, um es zu glauben.

Seitdem brach die Industrielle Revolution bei den Musikverlagen und Filmmanufakturen an. Es waren nicht die längst entmündigten Künstler, die mit Holzschuhen gegen die neu entwickelten Dampfmaschinen anstürmten und ihr Verbot zugunsten der Heimarbeit forderten. Es waren die Verleger.

Legendär die Berichte, der Musikindustrie gingen jährlich Milliarden wegen illegaler Downloads durch die Lappen. Berüchtigt die Rechenmodelle. Tip für RIAA und GEMA: Die Verluste lassen sich noch größer rechnen, wenn man für jedes im Radio gelaufene Lied den Preis der Single pro Hörer an entgangenen Gewinnen kalkuliert.

Seit 2002 ist aber etwas bekannt, was Verleger bis heute nicht wahrhaben wollen: den meisten Künstlern nutzt Downloading – und der Rest sind “Megastars”, deren Multimillionen-US$-Portfolio es nicht wirklich schadet. Ob es ein Film ist, ein Künstler, oder ein Buchautor, das Schema ist bei legalen Angeboten immer das gleiche: Der Kunde wird irgendwie auf den Künstler aufmerksam (er hört ein Lied im (Web-)Radio, sieht den Namen im Profil eines Freundes mit ähnlichem Geschmack, oder wird bei Titel oder Künstlernamen neugierig); er lädt sich einige Werke aus dem Internet – und geht danach bei Gefallen systematisch die Backlist des Künstlers durch.

“Das Internet-Debakel” und “Audiogalaxy – Ruhe in Frieden” – oder die Gefahr, zu früh zu viel richtig zu machen

Ich will mich nicht näher damit aufhalten; im Mai 2002 veröffentlichte Janis Ian ihren Artikel “Das Internet-Debakel“, einige Monate später den Folgeartikel “Nachbeben“. Kennon Balou schrieb, nachdem die RIAA die Platform auf dem Gewissen hatte, den Nachruf “Audiogalaxy – Ruhe in Frieden“. Mit Genehmigung der Autoren habe ich alle drei Artikel im September 2002 übersetzt (und seit der Zeit schiebe ich vor mir her, sie nochmal zu lektorieren und die Hyperlinks auf archive.org umzustellen). Lesen Sie sie. Sie lohnen sich.

Darin schreibt die Sängerin Janis Ian, daß besonders weniger bekannte Künstler auf Aufmerksamkeit sehr angewiesen sind. Als Janis Ian jedes für sie verfügbare Lied als MP3 freigab, stiegen ihre CD-Verkäufe um 25% an. Die Autorin Mercedes Lackey stellte in der Baen Free Library ein Buch zur Verfügung – und im Jahr danach verdreifachten sich die Tantiemen ihrer älteren – bei einem anderen Verlag erschienenen – Bücher.

Wie das geht, beschreibt Kennon Balou:

Das beste an Audiogalaxy war allerdings die Gemeinschaft. Ich habe auch von anderen Leuten gehört, daß sie eine verblüffende Bandbreite an Musik über den “Satellite” finden konnten. Ich erfuhr von unglaublichen Mengen von wundervoller, unabhängiger Musik, die ich sonst niemals gehört hätte. Audiogalaxy war unerreicht darin, seltene und Live-Musik zugänglich zu machen. Es gab fast niemals etwas, was ich nicht finden konnte. Ich kaufte unglaubliche Mengen an CDs während ich dort arbeitete, weil ich von Musik erfuhr, von der ich sonst nie erfahren hätte.

Ein Problem der Filmindustrie ist möglicherweise, daß sie am Anfang – im Gegensatz zur Musikindustrie – vieles richtig gemacht hat. Nicht alles: CSS-Regionen sind einfach peinlich. Aber hier ein Zitat aus “Nachbeben”, ein Auszug einer eMail an Janis Ian:

…sie sollten den Hinweis der Filmindustrie und moderner DVDs annehmen, die den Käufer so mit klarem und eindeutigem Wert überladen, daß selbst diejenigen, die nicht mit der Wimper zucken, eine CD herunterzuladen ohne dafür zu zahlen,… keine Motivation hätten, dutzende Stunden zu verbringen, etwas herunterzuladen und den Wert und die Qualität zusammenzufügen, der auf einer DVD für 25 US$ (€22,-) verfügbar ist. Ich habe schon DVDs für 20 US$ (€17,60) gekauft, wo der Film selbst nur die Spitze des Eisbergs war – Musikstücke, Dokumentationen, interaktive Präsentationen, Audiostücke, Standbilder, Bildschirmschoner, und so weiter, und so weiter. …Sie können immer noch mit eindeutigem Wert kämpfen – sei es in Videos, Spielen auf dem Rechner, Freikarten, besonderen Kennwörtern, um Bonusstücke herunterzuladen, Demostücke und Tanzmixen… Karaokestücken von jedem Lied, alternative Textaufnahmen… Wer könnte, oder würde, die Zeit aufwenden wollen, das alles herunterzuladen und zu reproduzieren? Solange die Erfahrung des Verbrauchers an einer Musik-CD mit einer oder zwei Stunden Herunterladen und einem kurzen Brennen des Ganzen auf CD dupliziert werden kann, werden sie niemanden, der sich die CD kaufen würde (aber es nicht tut, weil er sie herunterladen kann), überzeugen, sie doch zu kaufen… Anstatt alles zu tun, um sich der Kundenbasis, die ihre Produkte regelmäßig kauft, zu entfremden, sollten sie sich darauf konzentrieren, ihren Produkten Mehrwert hinzuzufügen.
(kevin)

Wenn ich heute eine DVD in einen Spieler lege und möglichst nahtlos meinen Film haben will, dann werde ich erstmal in einem selten dümmlichen Raubkopierer-Spot als potentieller Dieb beleidigt – alleine das wäre schon ein Grund, die DVD zu rippen, um den Spot herauszueditieren. Sprachen auf einer teuren DVD sind so ausgewählt, daß möglichst keine angrenzenden Versionen gleichzeitig auf der DVD sind – ich bekomme Spanisch, Türkisch, Portugiesisch, hätte aber gerne Französisch. (Daß DVDs hervorragend zum Sprachenlernen geeignet sind, ist bekannt.) Nachdem 2005 die erste Staffel von Edward Berneros “Third Watch” herauskam, mailte ich 2007 an den Verlag, ob noch weitere Staffeln geplant seien und wann man die kaufen könne. Antwort? Keine. SO gewinnt man keine zufriedenen Kunden.

Davon abgesehen halte ich DVDs immer noch für Goldstandard – zumindest solange, wie Originalsprache, Untertitel in Deutsch und Originalsprache, und möglichst Trailer, Hintergrundmaterial und Audiokommentar drauf sind. Wenn man sich die liebevoll gemachten Ausgaben alter Filme ansieht, sieht man, wieviel mit relativ wenig Aufwand möglich ist – und sogar mit Region Code 0.

Verpaßte und greifbare Chancen

Viele Züge sind heute für die Filmindustrie abgefahren. Mittlerweile gibt es viele Filme als HD-Version – groß, sperrig, problematisch zu sichern, aber nahezu in DVD-Qualität. Das wäre nicht passiert, wenn die Filmindustrie selbst 650-700MB-Versionen freigegeben hätte – mit Werbeeinblendungen vor dem Film und Hinweis auf die Kauf-DVD, Buch zum Film, Soundtrack, Score… Aus den Beispielen oben sieht man, daß das eher dazu führen wird, daß der Film bekannter wird und im Endeffekt mehr DVDs verkauft werden. Wenn man den Kunden nicht als potenziellen Verbrecher bezeichnet und ihm vorschreiben will, wo er die DVD anschauen darf.

Und von den Berichten über kino.to sieht man, daß man mit werbefinanzierten Angeboten Geld machen kann (eine DVD, die nicht verkauft wird, weil sie sich der Interessent einfach nicht leisten kann, nutzt höchstens als Abschreibung bei der Steuererklärung). Eine derartige Verwertung, selbst oder als Verlegergemeinschaft, bündelt die Werbeeinnahmen für Indexseite und Fileprovider, und kann für seriösere Werbung als Porn’n’Poker sicherlich auch höhere Preise verlangen.

Vollkommen hausgemacht das Problem, daß Serien aus Amerika zeitgleich ins Ausland kommen: eine Folge mit “BBC” oder “ABC”-Logo rechts oben stammt erkennbar nicht aus einer “illegalen Quelle”, sondern war für jedermann empfangbar; jede Einschränkung hier wäre völlig sinnfrei. Bei Serien, die auch in Deutschland vermarktet werden, können die Sender aber exakt dasselbe machen, was sich auch bei Büchern und Filmen bewährt hat: Internationale Veröffentlichung in der selben Woche. Der ausländische Zuschauer kann nur profitieren, nicht die “Halloween”-Folge zu Weihnachten und die Weihnachtsfolge zum 1. Mai angeboten zu bekommen. So einen richtig zwingenden Grund, warum man den USA immer einige Monate hinterherhängen muß, gibt es – außer Förderung von Filesharing – eigentlich nicht.

Innere Sicherheit.

Eine Sache klappt nicht: Dampfmaschinen verbieten zu wollen, oder “Piraten” zu verfolgen. (“Piraten” sind bewaffnete Verbrecher, die Schiffe kapern, bei Flüchtlingsschiffen teilweise die Frauen in die Prostitution verkaufen und Milliarden erpressen. Das ist wohl eine ganz andere Liga als “Musikpiraterie”.) kino.to war ein Portal unter vielen, selbst Filehoster haben deutliche Überkapazität. Die Frage, die die GVU den Kunden stellt – was ein Original wert sei – ist eine Frage für die Marktforschung. Wie jeder andere Hersteller auch muß die Filmindustrie den Preis heraussuchen, bei dem sich die meisten Stückzahlen absetzen lassen.

Für die Uploader, die sicher nur einen Bruchteil des Gewinnes abbekamen, geht alles weiter wie bisher. Nachfolger von kino.to sind längst da “wie Sand am Meer”. In diesem Zusammenhang kann man nachvollziehen, daß die Piratenpartei von “reiner Symptombekämpfung” redet.

Eine Organisation, die siebenstellige Summen u.a. mit Malware gemacht hat, gehört sicher aus dem Weg geräumt. Man darf sich aber keine Illusionen machen: An der Verfügbarkeit von Medien im Internet ändert das nichts. iTunes macht trotzdem mit MP3s gute Geschäfte. Selbst ein werbefinanzierter Download- oder Filesharingdienst der Filmindustrie würde Gewinne schreiben – und wenn das Modell nicht lukrativ wäre, was kann die Filmindustrie in einigen Monaten Testphase verlieren?

Einen großen Unterschied gibt es aber: Vielleicht werden die Werbeeinnahmen der Filmindustrie auf irgendwelchen Kanalinseln oder karibischen Steuerparadiesen versacken – aber es ist kein Schwarzgeld mehr. Wenn ich mit ein wenig Programmvorschau und Werbung vorne einen Film kostenlos vom offiziellen Portal bekomme, gehe ich nicht mehr auf illegale Angebote (wenn ich denn Filesharing betriebe); damit würden deren Einnahmen einbrechen. Lieber einige Millionen auf dem WB-Konto in Liechtenstein, als auf dem Konto der Organisierten Kriminalität. Und das wäre ein echter Fortschritt.

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One Response to “Filesharing und Dampfmaschinen”
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  1. [...] üblichen ‘Blogs, Twitters etc. ging die Meldung und wurde verschieden kommentiert. Wie schon an anderer Stelle geschrieben – es ist gut, daß eine Organisation, die siebenstellige Beträge durch [...]



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